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Max lmdahl

Auszug aus: Max lmdahl u. Norbert Kunisch, Plastik -Antike und moderne Kunst
der Sammlung Dierichs
in der Ruhr-Universität Bochum. Kassel 1979

Zu den Stücken der Sammlung Dierichs, die jede Gattungseindeutigkeit als Plastik, Relief oder Flächenbild überwinden, gehört auch ,,Trace" von James Reineking. Man könnte, behelfsweise, von einem Bodenrelief sprechen - einer Gegebenheit, die jedenfalls nicht unter die üblichen, kategorial bestimmten Erwartungen an ein Relief fällt. Freilich ist, wie auch in den Werken von Stella, Lenk und Schoonhoven, nicht die Überwindung des Kategorialen die eigentliche Botschaft, wohl aber dasjenige, was ohne diese Überwindung gar nicht mitzuteilen wäre. Was Reinekings ,,Trace" betrifft, so könnte man ebenso wie von einem Bodenrelief auch von einer Bodenplastik sprechen. Als das eine wie ebenso als das andere ist Reinekings ,,Trace" unmittelbar, nämlich ohne jede Isolation durch einen Sockel gegenwärtig. Aber gerade die unmittelbare Anwesenheit von ,,Trace" tritt in eine Spannung zu der Vorstellung eines Abwesenden oder doch jedenfalls zur vorstellungsmäßigen Ergänzung eines nur partiell Anwesenden. Dieses selbst ist wirklich jenseits aller plastischen oder auch reliefhaften Körperlichkeit.

Daß ,,Trace" die Vorstellung eines Abwesenden oder die vorstellungsmäßige Ergänzung eines partiell Anwesenden jenseits aller plastischen oder auch reliefhaften Körperlichkeit provoziert und sogar thematisiert, liegt offen zutage. ,,Trace" besteht aus zwei Teilen. Aus einer rechteckigen Stahlplatte ist ein Kreissegment ausgeschnitten. Der eine Teil liegt, der andere dagegen steht aufrecht auf dem Boden. Er kann nur stehen, weil er entsprechend seinem Segmentbogen selbst gebogen ist, und er steht jenem liegenden Teil so gegenüber, daß er mit diesem einen Kreis, also eine Flächenform vorstellbar macht: Wie immer dieser Kreis als ein nur vorstellbarer, potentieller und im Verhältnis zu jenen beiden aktuellen, faktischen, positiven (liegenden und stehenden) Stahlformen als ein nur negativer, zu erschließender Wert gleichsam übrigbleibt, so ist er doch normativ für Form und Zuordnung des Faktischen, positiv Greifbaren - so daß dieses bestimmt ist von dem, was es erst imaginär ermöglicht. Es ist die imaginäre Präsenz des Kreises, seine vergleichsweise spirituelle Entität, welche den Beschauer daran hindern kann, die Plastik zu durchqueren oder eine Position zwischen den beiden faktischen Elementen einzunehmen.

Reinekings ,,Trace" bringt zur Evidenz, was gedanklich, das heißt unabhängig von einem anschaulichen Paradigma, nur schwer oder überhaupt nicht vorstellbar ist: Das Bedingte ist - ohne jemals aufzuhören, das Bedingte zu sein - zugleich das Bedingende. Wie sollte man ein solches Wechselverhältnis zwischen Bedingendem und Bedingtem, nämlich die Ununterschiedenheit zwischen Fundierendem/Fundierten und Fundierten/Fundierenden oder auch die Ununterschiedenheit zwischen Positivität/Negativität und Negativität/Positivität abstrakt denken und, vor allem, demonstrieren ohne ein sinnenfälliges Paradigma.
Es ist ein wesentlicher Sinngehalt der bildenden Kunst - und zwar der modernen wie auch der traditionellen -, nicht nur das sonst nichtgegebene Ideale zu formulieren, sondern auch anschauliche, der sinnlichen Wahrnehmung zugängliche und ihr verständliche Anschauungsgegebenheiten für das sonst Unvorstellbare und sonst Unbeweisbare zu liefern, ja überhaupt die Aufmerksamkeit auf das sonst Unvorstellbare und Unbeweisbare zu richten. Es kann nicht schwerfallen, gerade auch darin eine Legitimation des Kunstwerks zu erblicken, Strukturen zum Vorschein, zu einem Erlebnis der Anschauung zu bringen und zu einem Gegenstand der Reflexion zu machen, die sonst verschlossen und unbedacht, vielleicht sogar ungedacht blieben.