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Text zu der Arbeit von Christiane Möbus:
Berge versetzen, konzipiert 1984 und erstmals realisiert 1991
im Kunstforum der Städtischen Galerie im Lenbachhaus.
Dieser Text entstand für den Katalog der Ausstellung Parallels
der Altlanta College of Arts Gallery, Atlanta 2001,
in der diese Arbeit gezeigt wurde.

Manfred Schneckenburger

BERGE VERSETZEN

Die Stadt ist wichtig. Bei klarem Wetter kann man von München aus die Alpen sehen. Der Gamsbart schmückt den bayerischen Männerhut wie der Hirschgeweihknopf die Lederhose. In jedem Gamsbart steckt ein Stück Trophäe. Wer ihn trägt wird unwillkürlich zum Jäger durch den Hut. Das Opfer ist die Gams.

Der Ort ist wichtig. Denn dass die Gams nicht in die Unterführung gehört, versteht man. Sie ist von den Bergen in die Unterführung versetzt - eine traurige Kreatur, die gerade noch an ihren Hörnern hängt. Aber sie hängt noch fest. Die Armierung, die den Beton zusammenhält, rettet (vorläufig)auch die Gams. Sie ist am Unort, aber sie ist noch nicht in den Abgrund gestürzt.

Die Versuchung, Fäden zu spinnen, ist groß. Gewiss könnte es auch eine andere Geschichte sein. Träumt die Gams sich in ihre Heimat zurück? Hilft Christiane Möbus ihr in höchster Not, indem sie sieben Betonsteine aus dem Verbund schlägt, schiebt, umplaziert? Wird die Wand so zum Berghang, auf dem sich, Vorsprung für Vorsprung, klettern lässt? Geben die versetzten Steine Halt? Kann die Kunst nicht nur Steine, sondern Berge versetzen?

Christiane Möbus sagt einmal: "Die Gegenwart ist immer ein Punkt." Ist das Szenario mit der Gams ein solcher Punkt? Ein eingefrorener Augenblick, der darauf wartet, aufgetaut zu werden? Dann kommen Assoziationen wieder in den Fluß, dann kann die Betonmauer in der Tat zum Berghang werden und jeder Stein zum rettenden Riff. Dann kommt der Berg, wenn schon nicht zum Propheten, so doch zur Gams. Dann gewinnt die karge Epigrammatik des Stücks eine große imaginative Weite und die "Assoziationsordnung" (Novalis) gerät ins Schwingen, so verknappt ihr Anstoß ist. Nichts verfällt dabei der Anekdote, nichts wird platte Linearität. Alles bleibt offen für unsere Phantasie.

Denn Christiane Möbus ist eine Wünschelrutengängerin zwischen Konzept und Poesie. Ihre Arbeiten haben einen weiten Atem und binden die Botschaft doch hart und konkret an den Gegenstand. Die sind durchtränkt von Erlebnis, doch von strikter Formdisziplin. Sie beschränken sich auf wenige Daten der Außenwelt. Ja, fast lässt sich sagen, je restriktiver, einsilbige diese Daten verkürzt sind, desto offener und reicher spielen Anmutungen, Konnotationen, Erinnerungen herein. Die Präzision liegt in der   gestochen scharfen Formulierung, nicht in der Eindeutigkeit der Codes. Die Luzidität erwächst aus dem Verzicht auf jedes überflüssige Wort, nicht aus der leichten Lesbarkeit. Die knappen Beschwörungswörter   - Gemse, Armierung, versetzter Stein   - raunen nicht, sondern besetzten klar umrissen den Raum, aber die Sachlichkeit verstellt weder den offenen Horizont noch mindert sie ihre bewegte Emotionalität. Ob die Berge zur Gams kommen, ob die Gams sich in die versetzten Berge retten kann, ob letztlich eine Tiertragödie bleibt, ob das Stück eine rein poetische oder kritische Note hat, darf, muss, offen bleiben.