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Thomas Kaminsky

kaminsky

Es ist die Malerei, die in tausend Reflexe der Grundfarben zersplittert, einen neuen Raum schafft, in dem sie sich versenkt. Die Hand kann ihn nachformen, um ihn kennen zulernen. Aber vielleicht berührt sie ihn nicht, es sei denn, um ihn zu streicheln, sofern er auf dem Handrücken und dahinter ist.. (Marco Gastini)
Die Hand ist das primäre Werkzeug des Menschen. Mit ihr und durch sie begreift er die Welt.
"Die Hand ist verletzlich
die Hand ist empfindlich
die Hand ist vulgär
die Hand ist notwendig
die Hand verbirgt gern ihre Taten
die Hand ist ungeeignet
die Hand ist selbständig
diese Hand ist meine Hand."
(Thomas Kaminsky)
Die Hand begreift nicht nur, sie manipuliert auch das, was sie bearbeitet. Dabei vermag die Hand nicht nur etwas, sondern auch sich selbst auszudrücken. Die primitivste, das heißt die ursprünglichste Form der Versicherung der eigenen Existenz in einer definierten Umgebung geschieht im Fixieren der Umrisse der eigenen Hand. Handumriss und -abdruck dokumentieren in unmittelbarer Form die Präsenz des Menschen, sein In -Besitz-Nehmen eines Raumes. Das unmittelbare Abbild der Hand als Ursprung der bildenden Kunst, das Malen durch Verreiben der Farbpigmente mit den Fingern bedeutet, dass Malen in seinem Anfang aus dem Berührungskontakt von Zeichnung mit dem Bezeichneten resultiert. Malerei meint so mit ursprünglich nicht isoliertes Abbild von etwas, sondern die Verbindung von Zeichnendem mit dem bezeichneten Gegenstand, beziehungsweise dem begrenzten Raum.
»Es geht nicht um Innovation. Zahlreich sind die Ergebnisse von Lascaux (Ritus) über Verwischungen in der Ölmalerei oder den Zeichnungen im Manierismus zu den religiös überladenen Wischungen bei Arnulf Rainer oder den dramatischen bei Robert Morris, den denküberladenen bei Yves Klein... « (Thomas Kaminsky)


Die Malerei mit der Hand unterscheidet sich von der mit dem Pinsel fundamental. Der Pinsel funktioniert als ein differenziertes Mittel, um Farbe der Intention des gedachten Bildes entsprechend auf die Leinwand zu bringen. Die Hand ist demgegenüber nicht nur direkter, sondern auch ungeschickter. Die Hand bildet sich im Umgang mit dem Material selbst ab, während der Pinsel sogar seine Spuren weitgehend verwischen kann. Steht der Pinsel auch etymologisch für das Männliche und das Material für das mütterlich Weibliche, so scheint sich in dieser Form von Malerei der nicht unmittelbaren Körperberührung mit dem Material eine bestimmte gesellschaftliche Einstellung zu manifestieren , der zufolge »männliche - Rationalität »weibliche« Potentialität formt und gestaltet. Die Unmittelbarkeit der Berührung von Farbmaterial durch die Hand des Künstlers drückt dabei eine veränderte Einstellung nicht nur dem Material gegenüber aus, sondern auch eine gewandelte Einsicht in die Möglichkeit bildnerischer Darstellung.

Die Handzeichnungen wollen nichts abbilden, was außerhalb der unmittelbaren Bemalung liegt; sie suchen die Darstellung von Textur, Struktur und Faktur. Es ist daher konsequent, dass Kaminsky nahezu vollständig auf die Farbe als Darstellungsmittel verzichtet und die Zeichnungen monochrom in Schwarz ausführt. In der letzten Arbeit, die im Kunstforum zu sehen war, rückt er von einer unmittelbaren Bearbeitung der Wandfläche ab und bemalt statt dessen eine Lein-Wand von der Dimension der größten Wand des Raumes (370 x 1200 cm). Der Einsatz der Leinwand bedeutet ein deutliches Abrücken, eine Distanz von der Wand, der realen, unveränderbaren und unverrückbaren Örtlichkeit. Dem entsprechend haben sich die Setzungen seiner Bemalung gewandelt. Ein farbiges Lineament, wie es Kaminsky bei Zeichnungen auf Papier anlegt, bildet nun ein Gerüst, das mit weißen Pinselschlägen durchbrochen und gelockert wird, wobei die Farbigkeit der Linien etwas in die Fläche getrieben wird. Der Pinsel vollzieht nun jene Darstellung, die so lange mit der Hand eingeübt war, bis der "Abdruck der Hand seine Dramatik verloren hatte und zu einem direkten Arbeitsmittel mit deutlichen Eigengesetzen" (Thomas Kaminsky) geworden war. Die Handzeichnung schließt in einer weiteren Schicht die im Weiß gebundenen farbigen Ansätze zu einer dichteren, lebendigeren Struktur. Die Malerei scheint die Fläche zu durchdringen.

Helmut Friedel

 

 

 

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