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Süddeutsche Zeitung, Mittwoch 6. Februar 2008

Extrem einfarbig

Seit 30 Jahren auf Monochromes spezialisiert: der Galerist Rupert Walser

 

Das Glastor fällt zu und sperrt den Lärm der Fraunhoferstraße aus. Im Hinterhof
steht das Häuschen, indem Rupert Walser im Obergeschoss mit der Familie wohnt und im Erdgeschoss seit nunmehr 30 Jahren seine Galerie betreibt: ein kleiner Ausstellungsraum, klar und hell. Oft hängen hier nur ein oder zwei Bilder, ohne Beschilderung damit der Besucher die Chance hat, sich zuerst auf das Werk einzulassen.

Zum Jubiläum gibt es, "Tätä!", eine Ausstellungstrilogie. Die Galeriegeschichte Teil 2 zeigte die "wichtigsten Amerikaner" , wie Walser sagt. Sein Blick über den dünnen Rand seiner Brille
wirkt ein bisschen verliebt. Zum Beispiel in das glattgraue Quadrat von Marcia Hafif, der Grande Dame der malerischen Konzentration, der Monochromie. Oder in ein zweites Quadrat, khakifarben, auf den ersten Blick wie verwandt, auf den zweiten aber bewegter, lebhafter. Aufgeraut. Ein Zeniuk von 1977. Oder in einen großen Sims, dunkelblau oder doch rabenschwarz? "Phil Sims mag die Materie", schwärmt  Walser. Er schiebt den Kopf vor und deutet auf die dicken Farbstrukturen,
die dem Bild etwas Haptisches geben. "Wie ein Zauber", sagt er leise.
Walser spricht von seinen Bildern wie von lieb gewonnenen Menschen.

Zauber, Ausstrahlung, Ehrlichkeit. Die Begriffe tauchen immer wieder auf, wenn Rupert Walser beschreibt, was ihn an der monochromen Malerei seit mehr als 30 Jahren so fasziniert, dass er zum überregionalen Spezialisten wurde. Er sucht nach Worten für sein Galerieprogramm. "Extrem abstrakte Malerei", sagt er . Und: "Neue konkrete Kunst", oder: "Radikale Malerei". Alles Krampf, findet er dann. Gute Kunst müsse man erfahren können, sagt er, erleben,rgehen. Mit Bildern, die eine Geschichte erzählen, kann er nichts anfangen. "Das gehört in die Abteilung Literatur". Wenn Walser, geboren 1951, schmal er Körper, feines Lachen , sich an seinen Weg in die Monochromie erinnert, fallen ihm Einzelheiten ein. Der Rosenheimer Kunstverein mit seinem "Hauch von Szene"; das ohnmächtig machende Blau von Yves Klein; die Tests der Berufsberatung nach dem Abitur, die das ergaben, was er
vorher schon wusste: grundsätzliches Interesse an allem, Eignung für eigentlich alles, eine gewisse Vorliebe für Musik und Kunst.

Wenn der Vater nicht so früh gestorben wäre, vermutet Walser, wäre er bestimmt wie dieser Goldschmied geworden. Aber er studierte Malerei und Kunsterziehung an der Münchner Akademie. Diese schottete sich damals vom Leben ab . Keine Bilder der Zeitgenossen zum Vergleich, zur Inspiration. Keine Gespräche über Licht und Farbe und das Wesen der Kunst. Walser stöberte Max Imdahls Reclamheftchen über neue und neuaste Kunst auf . "Die hab' ich gefressen" , sagt er . Er wollte alles: "Kopf, Bauch und Hände ." Schließlich schrieb er sich an der Universität für Kunstgeschichte ein und begann eine Doktorarbeit über Monochromie, verfolgte deren Geschichte bis zur Grisaille-Malerei. Und er sammelte und sammelte.

Seine frisch eröffnete Druckwerkstatt mit Galerie, "Druckwerk " genannt, raubte ihm die Zeit , die Sammelleidenschaft ließ sich kaum noch eingrenzen. Das Gärtnerplatzviertel glich damals noch einer
"Wüste", so Walser. Hier gründete er zusammen mit anderen die Zeitschrift - Neue-Kunst in München. Walser schrieb mit an einem Band über 200 Jahre Kunsthandel in München , entwarf das Plakat
"Initiative Münchner Galerien" und druckte für Alfons Lachauer die erste Serigrafie- Serie. Aufträge von Antonio Calderara folgten. Walser nennt ihn heute den "Vater der Galerie ". Ein gerahmt es,hauchzartes Grün erinnert nun in seinem Büro an diese Anfangszeit. Das Büro: ein winziger Raum neben der Galerie , dort stehen Gemälde säuberlich aneinandergereiht, auf dem Schreibtisch kleben kleine Zettel mit winziger Schrift.

Walser sieht sich vor allem als Vermittler: Er habe eine Art Kunstvermittlungsauftrag, von Sammlern finanziert. Eigentlich, so sagt Walser, sollte ein Galerist eine "Quatschtüte mit Vertretereigenschaften " sein. Er sei das aber nicht. "Ich bin ja nicht absichtlich zurückhaltend"
, sagt er . "Aber Menschen, die man wirklich erreichen will, erreicht man nur so." Das Publikum soll das Bild selbst erleben können . Dann vermittelt es sich,"seine Welt zwischen Diesseits und Jenseits."
In der Stille.


CAROLIN PIRICH


 

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