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Aus dem Text von 
Johannes Meinhardt: Malerei jenseits der Monochromie
im Katalog 
Stephan Baumkötter 
der Galerie Rupert Walser, München 1994

Angesichts der Gemälde von Stephan Baumkötter von 'Monochromie' zu sprechen, ist schon leichtfertig; verfehlt und verkennt schon die differenzierende Arbeit des Sehens zugunsten eines Begriffs, der in der Geschichte der Moderne nicht nur vieldeutig ist, sondern in der scheinbaren Identität seines Gegenstandes und seines Gebrauchs völlig unvereinbare oder sogar widersprüchliche Wahrnehmungsgegebenheiten verbirgt. 'Monochromie' ist ein - oft verborgener - Schlüsselbegriff der radikalen Moderne und ihrer malerischen Avantgarde, der gegenstandslosen Malerei. In der Geschichte der Befreiung der Malerei von der Abbildlichkeit, in der avantgardistischen Abstraktion 1912-1921, wie erneut in der zweiten oder Neo-Avantgarde 1948-1960, bildet die Monochromie den Endpunkt, aber auch den Umschlagspunkt einer konsistenten Bewegung der Reduktion: Reduktion aller Erinnerung an objektale Wahrnehmung, Reduktion aller Welthaltigkeit des Gemäldes, Reduktion aller zufälliger, sensueller und kontingenter Formen und Beziehungen in der Bildfläche. ...


... Die Gemälde von Stephan Baumkötter sind monochrom nur in einem alleräußerlichsten Sinn: sie zeigen dem identifizierenden Blick eine einfarbige Bildfläche, eine scheinbar homogene, artikulationsfreie Fläche. Diese Fläche verschließt sich aber gegenüber dem kategorisierenden, definierenden Zugriff: sie weigert sich, entweder 'illusionäre' optische Bildräumlichkeit oder immaterielle abstrakte Bildfläche oder materielle Oberfläche eines Gegenstandes zu sein, sie sperrt sich gegenüber jeder solchen Erfassung. Das ist ganz wörtlich zu verstehen: der Blick wird in der dichten Vielschichtigkeit dieser Gemälde eingefangen, verirrt sich in den unfaßbaren und maßlosen Tiefen dieser Dichte und verliert so seine Aggressivität; dem Blick, der auf das Ergreifen eines Gegenstandes ausgeht, der ein Objekt einfangen und besitzen will, zerrinnt ('vor seinen Augen, unter seiner Hand') jede einfache und kategoriale Bestimmung des Gemäldes als Bildraum, als Bildfläche, als Farbwert, als Oberfläche. Die definierende Wahrnehmung, die in den Gemälden Stephan Baumkötters eine monochrome Fläche in einer bestimmten Farbe sieht und erfaßt, verfehlt diese Malerei: sie erreicht die Oberfläche nicht, die Haut der Malerei, sie erreicht sie nur beinahe, nur fast. Dieses Verfehlen gehört zum ersten, identifizierenden Blick: dieser bekommt fast eine monochrome Oberfläche zu Gesicht. Doch dieses kategoriale Objekt, die monochrome Oberfläche, verschließt sich, indem es den Blick in sich einfängt: je mehr und je genauer der Blick das Gemälde zu erfassen sucht, desto deutlicher spürt er sein Verfehlen. Zwar ist diese Fläche fast eine bloße Oberfläche, und ist diese Farbe fast ein bestimmter Farbwert im Farbsystem: doch in der minimalen Kluft dieses 'Fast', das zuerst nur als leichte Beunruhigung erfahrbar wird, reißt eine grundlegende Nichtfaßbarkeit auf, eine jedes Begreifen zerrüttende Nichtidentität. ...
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