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(aus: Antonio Calderara
Katalog 5 der Kestner-Gesellschaft, Hannover 1968)

 

Jean Christophe Ammann

Ein Schluessel zur Betrachtung Calderaras

Calderara war weder Konstruktivist noch Tachist seine Hinwendung zur

Monochromie und Ungegenstaendlichkeit hatte darum wenig zu tun mit der zeitbedingten Reaktion vieler Kuenstler Ende der fuenfziger Jahre. Er war ein ganz hervorragender figurativer Maler, dessen Werke vor 1958 durch eine besondere, spezifisch eigene Farbqualitaet ausgezeichnet waren. In den kleinformatigen praezis konstruierten Kompositionen erscheinen die Figuren wie die Verdichtung oder Verduennung einer bereits vorhandenen Raummaterie: eine mentale Raeumlichkeit also, in welcher jede Form einen autonomen, lichtenergetischen Ort bildet.

Dieses Zusammenspiel von Licht, Form und Farbe hatte 1958 einen Saettigungsgrad erreicht, der notwendigerweise eine neue bildnerische Dimension bewirken musste. Die formalen Charakteristiken hierzu hatte Calderara bereits in den Jahren 1927-1940 geschaffen. In dieser Zeit entstanden eine groessere Anzahl von Gemaelden mit dem Orta-See als Motiv (in Vaciago, einige Kilometer oberhalb des Sees, verbringt Calderara jaehrlich die Sommermonate). Sehr oft als mondbeschienene Nachtimpression konzipiert, ist die Komposition im Gegensatz zu den komplexen Figurenbildern einfach: Der See, das Gestade und die bewaldeten Huegel im Hintergrund. Hier setzt nun Calderara ein, indem er die bis 1958 erarbeiteten Farb-Licht-Kriterien in einfachste, oder doch wohl nur anscheinend einfachste, Formverhaeltnisse Uebersetzt. Eine neue Kunst entsteht. Das lombardische, dunstige Licht, auf das sich nun Calderara konzentriert, erhaelt in den genau errechneten Geviertstrukturen, auf Grund der sich gegenseitig bedingenden Farb-Form-Relation, eine intensive Leuchtkraft.

Eine neue Kunst! Neu ist nicht nur die ungegenstaendliche Form, neu ist auch das Licht. Hier wird nun ein wesentliches Merkmal in der Malerei Calderaras sichtbar: Seine Bindung zur Natur, zur Umwelt. Das Licht war in den Arbeiten vor 1958 durch seine unmittelbare Beziehung zu den dem Alltag entnommenen Figurenmotiven mental, abstrakt. Es wird zur Natur in dem Moment, wo die Form ungegenstaendlich wird, ihre Referenz zur Umwelt nicht mehr evident ist.

Die Kunst Calderaras ist nach 1958 schwierig geworden, insofern sie hoechste An-forderungen an den Betrachter stellt. Ich glaube aber, dass es so etwas wie einen Schluessel fuer die Betrachtung seiner Werke gibt, indem man nach einem ersten Eindruck als Ausgangspunkt die kleinste Formeinheit fixiert und von dort in steter Beziehung zu ihr das Gesamtbild zu erfassen trachtet.

 

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