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(aus: Kölner Skizzen 1997)

James Reineking

Zum 60sten

Dead or Art

Hat denn niemand Interesse, einen Film über Doctor Holiday zu drehen? Ich hätte da die Traumbesetzung für die Titelfigur. Im "kritischen Lexikon für Gegenwartskunst" wird ein Satz von James Reineking zitiert: "Eine Raubkatze auf der Jagd ist auf ein Ziel fixiert..." Wie es weitergeht ist hier nicht so wichtig, kann man ja mal nachlesen. Wer Reineking näher kennt, weiß, daß er sich da versehentlich selbst nennt. Reineking ist eine unglaublich gefährliche, kräftige, schnelle, intelligente Raubkatze. Dabei äußerlich ruhig, elegant, ja charmant... Aber er könnte töten, blitzschnell.

James Reineking ist ein Cowboy aus Montana, sein Vater war Waffenschmied, sowas wie Winchester hat er gemacht. Der Sohn ging nach New York, Kunst machen. Sein erster Galerist, Hannes von Gösseln, hatte ihn von New York nach Hamburg und dann nach Köln geholt. 1977 war er einer der Stars der documenta 6. Gerade noch "minimal", aber tendenziell schon höchst komplex. Vor einigen Jahren hat er in einem Vorgarten von Köln die Form eines Rosenbeetes in Stahl nachgeformt, zerschnitten, gestapelt. Im Saarland hat er ähnliches mit einem alten Henkershügel gemacht. Steht jetzt mitten in der grünen Landschaft: Henkershügel, gestapelt Ich kann das Wort "post" nicht mehr hören und "postminimal" ist noch schlimmer, aber Reineking ist es.

James hat gut nach Köln gepasst. Er liebt Witze und es gibt wohl keinen Ami auf der Welt, der so begeisternd und gestikulierend Witze erzählen kann (auf deutsch!) um dann zum x-ten mal mit den Hörern mitzulachen bis ihm die Tränen kommen. Ich glaube er hat Köln geliebt. Er war schon fast ein Kölner und er wurde dort zum Klassiker. Das heißt: alle waren begeistert und beeindruckt, in fast allen wichtigen Museen - von Berlin über Hamburg bis Köln - stand eine Skulptur von ihm - und das wars. Ein Klassiker zu sein, das ist so gut wie begraben sein.

Bis ihn sein zweiter Galerist, Rupert Walser und sein Kollege Leo Kornbrust nach München entführten. Erst hat er sich dort von der Akademie - seinen Studenten und Kollegen - auffressen lassen. Seit letztem Jahr hat er sich aber wieder mehr auf seine Arbeit gestürzt. Wer bei seinen "kleineren" gestapelten Skulpturen der letzten fünf Jahre noch nicht so gut hingesehen hat - siehe "Privatgrün" - ist begeistert, seit er die erste große Skulptur dieser Art im vergangenen Jahr an der Straße der Skulpturen im Saarland gesehen hat. Und wenn fast nichts mehr an Skulptur heute gemacht wird: Das ist Skulptur und das hat absolute Klasse!

"Wir können bei dem, was wir sehen nicht stehenbleiben" schreibt Erich Franz in einem wunderbaren Aufsatz zu James Reineking. Das ist es genau, was die ganz besondere, die wirklich herausragende Qualität der Arbeiten Reinekings ausmacht: Man kommt nicht zu Ende damit. Man kreist um sein Gegenüber, sein Opfer: "Ich krieg dich schon". Es schaut alles ganz einfach aus. Man schleicht herum, beobachtet, erkennt Einzelheiten, Gesetzmäßigkeiten, ahnt und wird nicht fertig. Jedenfalls nicht allein im Kopf. Eher durch Erfahren, Begreifen - noch ein schreckliches Wort: "Verinnerlichen". Das eingangs erwähnte Raubtier würd‘s ja reissen, töten, fressen...verdauen... Das geht mit Stahl nicht. Und mit sich selbst auch nicht.

Im Frühjahr nächsten Jahres werden zwei sehr große Reinekings in München aufgestellt, das Lenbachhaus sammelt Arbeiten aus verschieden Zeitabschnitten, Ausstellungen und ein Buch mit seinen Zeichnungen über die letzten 30 Jahre sind geplant und es gibt - ganz frisch - ein neues Multiple: sehr einfach und doch höchst komplex, ein typischer Reineking: hyperstreng und gleichzeitig poetisch, fast jugendstilig, verspielt und - komisch - irgendwie auch eine Sechs. Reineking ist sechzig. Obacht!

Hans Brodesser

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