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(Aus einem Interview von Wilhelm Warning mit Jerry Zeniuk 
für den Bayerischen Rundfunk im September 1989.) 

 

Wenn man ein junger Künstler ist, beginnt man mit bestimmten Vorstellungen. Man ist durch seine Erziehung beeinflußt und dadurch, was andere Künstler machen. Wenn man dann älter wird, wird man auch etwas freier. Etwas in einem selbst kommt hoch und man wird sich klarer, was man sagen will und man drückt dies präziser aus. Ich denke da immer an das Sprichwort, daß man erst mit vierzig sein eigentliches Gesicht bekommt. Und ich denke, das stimmt.

Als ich noch ein Student war, habe ich von meinem Lehrer Greenberg gelernt, daß ein abstraktes Bild flach sein muß und die Farbe selbst Bildgegenstand ist. Und so habe ich mich also sehr bald mit der Materialität der Farbe befaßt. Das ist eigentlich natürlich für einen jungen Maler, daß er sich mit dem auseinandersetzt, mit dem er arbeitet. Aber schon damals ging es mir um Farbe, Licht und Raum. Und das war es, was mich fesselte. So begann der Lernprozeß, wie kann ich den Raum deutlich machen, wie das Licht, wie kann ich ihm Bedeutung geben. Und besonders, wenn man kein Abbild hat - immer wieder die Frage, was ist der Gegenstand des Gemäldes, was ist es, das das Auge sieht, worauf ziele ich ab. Das sind all die Jahre meines Malens. Und jedes Jahr wurde mir klarer, was ich will, was ich sehe, und auch die Bedeutungen, mein Wissen darüber hat zugenommen. Ich kann heute sehr viel präziser diesbezüglich sein. Ich kann auch sehr viel mehr den Betrachter einbeziehen, ihn in ein Bild eintreten lassen und sich darin bewegen lassen.

In allerjüngster Zeit, besonders was die Aquarelle betrifft, ist da ein neues Element, ein dramatisches Element und ein Ausdruck sehr privater innerer Gefühle. Die Natur der Farben ändert sich und natürlich die Struktur, um der Farbe Stärke und Bedeutung zu geben.

Mit dem Malen ist es wie mit dem Gehen. Anfangs macht man einen unsicheren Schritt nach dem anderen und fällt vielleicht. Irgendwann kann man gehen, nur vergißt man dann, was das ist - Gehen. Erst wenn man sich aufs Eis begibt, merkt man plötzlich wieder, was Gehen ist.

Wenn man diskutiert, was eigentlich Kunst ist, mit einem Philosophen oder einem Kritiker oder mit anderen Künstlern, dann kommt man immer auf die gleiche Frage: Was macht eigentlich eine gute Arbeit aus. Letztlich ist ein Bild mehr als nur eine Ansammlung von Farben in einer bestimmten Anordnung. Aber was es genau ist, das ist wie die Frage nach dem Sinn des Lebens. Denn Leben ist ja auch mehr als Geborenwerden, Aufwachsen und Sterben. Das ist eigentlich eine spirituelle Frage. Und Kunst ist keine religiöse Angelegenheit, sondern eine ästhetische. Aber es ist eine sehr wichtige Sache. Sonst würde ein Künstler nicht Tag für Tag in sein Atelier gehen und malen. Aber wenn man Kunst betrachtet - und ich unterscheide mich da nicht von anderen - habe ich doch gewisse Erwartungen. Das sind ästhetische Erwartungen. Wenn ich zum Beispiel einen Cézanne betrachte oder einen Mondrian, dann erfahre ich etwas darüber, was es bedeutet, ein Mensch zu sein. Das Dilemma des Lebens, das ich auch mit anderen Menschen teile, das ist vielleicht für mich das Wichtigste. Und Kunst gibt mir die Möglichkeit, das mit anderen Menschen zu teilen. Wenn ich ein Kunstwerk mache, ist diese Frage da, und es ist mein Beitrag zum Verstehen.

Man kann es auch als einen Weg betrachten, wie man die Zeit ausfüllt, den Tag. Und es ist ein schöner Weg, den Tag zu verbringen, zu malen. Man löst eine Menge Probleme, stellt sich eine Menge Fragen. Und selbst, wenn du nicht das Atelier verlässt, umfängt dich die Welt.

Ich bin ein Mensch voller Konflikte und mein Bilder spiegeln das. Da gibt es einen Konflikt und eine Lösung. Vielleicht ist es das, was es ausmacht, ein Bild zu malen. Was es interessant macht, ist, man sieht auf ein Objekt und man sieht durch das Objekt. Das ist ein Widerspruch. Und der Betrachter nimmt teil an der Lösung, willentlich. Die Museen sind voll mit Menschen. Da ist ein Bedürfnis da. Sie schauen auf die Objekte und sie schauen durch sie hindurch. Wir alle haben einen inneren Konflikt und ein Bild ist eine Reflektion dieses Konflikts: Objekt und Nicht-Objekt. Ein Bild ist beides. Es ist ein Widerspruch. Wie Leben und Tod ein Widerspruch ist.

 
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