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Jerry Zeniuk – a space that pictorial light will occupy

Kunstverein Reutlingen 11.02. – 09.04.2007

Eroeffnung der Ausstellung am 11.02.2007, 11.00 Uhr

Erstaunlich angesichts des Werks von Jerry Zeniuk erscheint der Umstand, wie sehr sich vor drei Jahrzehnten entstandene Malereien, wie sie etwa auf der documenta 6 im Jahr 1977 in Kassel praesentiert wurden – und inmitten der großen Namen des colourfield-painting, der monochromen Farbfeldmalerei – unterscheiden von aktuellen Arbeiten des Kuenstlers. Die Ueberzahl der hier zu sehenden sind 2006 und bis vor wenigen Tagen 2007 vor Ort gemalt, die Formulierung kuenstlerischer Grundanliegen und Zielsetzungen haben sich jedoch ueber die Zeitlaeufte nicht wesentlich veraendert.

 

Einem von Klaus Honnef vor exakt 30 Jahren im damaligen Documenta-Katalog enthaltenen Textbeitrag ist der Leitsatz des Malers unterlegt: "Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, was Malerei eigentlich ist!" Dabei ist doch wohl davon auszugehen, dass diese Aufgabe – das Herausfinden, Suchen und Vorfinden – weiterhin anhaelt, in jedem Bild sich neu konstituiert, als ob es das erste (und das letzte) waere, so, wie es – unter veraenderten Vorzeichen freilich – seit Jahrhunderten in der Kunstgeschichte sich Kuenstler und Kuenstlerinnen anhielten zu suchen. "Ich habe mir zur Aufgabe gemacht, herauszufinden, was Malerei eigentlich ist!" steht da also zu lesen. – Dieses Statement sollte in jener Weise erweitert werden, dass wir – in unserer Eigenschaft als Betrachter – vor den Arbeiten von Jerry Zeniuk in der Tat herausfinden koennen, was Malerei eigentlich sei – letzteres moeglicherweise auch getrennt voneinander verstanden, naemlich was Kunst, Malerei (fuer den Kuenstler / fuer uns) und was insgesamt das Eigentlich(e) in einem weiteren Sinne (fuer den Kuenstler, fuer uns, und vielleicht auch beide – Bild und Betrachter in einem visuellen Austausch – verbindend) bedeute.

Von vielerlei Seiten wird haeufiger auf die Unberechenbarkeit der bildnerischen Entwicklung einzelner Werkgruppen von Jerry Zeniuk hingewiesen; die Reaktionen reichen von Ueberraschung, Empoerung, Enttaeuschung gar, zurueck zu einschlaegigen Begeisterungsstuermen, von selbstbestimmtem Risiko und Freiheit ist die Rede. Andererseits ist in der inzwischen Jahrzehnte dauernden Arbeit an Bildern – vielleicht einem einzigen Bild nur – ebenso ein fast organisches Anwachsen und Zurueckweichen von Farbraum und Bildlicht (pictorial light) zu beobachten. Die Ende der 1960er Jahre entstandenen Enkaustik-Arbeiten schmolzen noch die Wachsschichtungen zu monochrom scheinenden Bildgruenden zusammen, die mehrfach wiederkehrende Strukturfelder aufwiesen. Sie wurden im Laufe der nachfolgenden Jahre abgeloest durch mannigfache Malschichtungen mit Oel auf Leinwand. Spaeter trennten sich Farben ganz aus ihrer Verschichtung, bildeten einzelne Inseln, Gewebe, Geflechte aus; Mischungen, Ueberlagerungen loesten sich auf zugunsten der Primaerfarben und abgegrenzten Farbkompartimenten, die die Maluntergruende nun nicht mehr verbargen. Im Gegenteil werden diese Malgruende – das roh belassene dunkle Leinen, das grundierte, gleichmaeßig oder fleckig, oder gelblicher Nessel – selbst Ausdruckstraeger, schaffen erst Ausgangsbasis, den Raum fuer die Wirkung von Farbe, die Zwischenraeume des Sehens und Verstehens.

 

Seit geraumer Zeit (es moechten in etwa die letzten 5 Jahre sein) konzentrieren sich die einzelnen Farbflaechen weiter zu kompakten Formgebilden, letztlich zu ganz geschlossenen Rundformationen. Definiert schließen sie sich gegen die gegenueberliegenden Farbfelder ab, stehen geballt im Bildgrund, fliegen, sinken ein, bohren sich in die Leinwand oder stuerzen dem Betrachter entgegen, klingen zusammen. Bei naeherer Betrachtung bricht die Geschlossenheit dieser riesenhaften Farbenteilchen jedoch umgehend wieder auf: in langwierigen Prozessen (Denk- und Arbeitsprozessen) sind sie entwickelt, tragen andersfarbene Untergruende, Oelfarbe steht auf Acryl, matt gegen glaenzend, vollgesogen oder hell durchscheinend, und die Raender fasern aus, glimmen nach, rotieren; die Farbinseln sind erst noch im Entstehen begriffen oder vergehen gar schon wieder, aus den Fassungen von Sonnengelb gebiert sich ein dunkleres orangenes Gelb, Graufassungen halten – wie Preziosen – die staerkeren Farben, und die Weiss-in-Weiss-Bildungen zeigen, dass da weitere Raeume noch zu denken sind, entstehen koennen, moeglich, denkbar oder unmoeglich ...

 

Eine Atomisierung der Farbe hat da stattgefunden und wir finden uns in einem riesen-haft winzig-weiten Raum wieder, indem die Zwischenraeume, das Weiss, die Malspuren, die Grauverschattungen mehr zu zaehlen scheinen, als alle Farben zusammengenommen, raumgreifender sind als die Farbkompartimente selbst. Diese Zwischenlaender gewinnen Bedeutung, entwickeln einen eigenen Raum. Im Unterschied zu den anderen Exponaten, aus einem der Ateliers von Jerry Zeniuk hierher verbracht, vollzieht sich vor – besser inmitten – der vor Ort fuer Reutlingen entworfenen Arbeiten noch einmal eine andere Raumerfahrung: Leinwand und Nessel umspannen hier die beiden Wandsegmente (einseitig) ganz, sodass kein eigentlicher Darstellungsrand, keine Bildbegrenzung oder Rahmung, wie bei den anderen gezeigten Werken – Flaeche vor Flaeche, das Objekt vor der Wand – zu sehen ist. Dadurch scheinen diese beiden Farbraeume – sich von Angesicht zu Angesicht gegenueber liegend – in ein Lichtmeer zu muenden, und im Ausstellungsraum entmaterialisiert zu schweben. Und vermittels der unmittelbar am widerspiegelnden Estrichboden ansetzenden Malflaeche kann der Betrachter gewisser-maßen ohne jede Beschraenkung (ausser vielleicht der des physisch Koerperhaften) in diesen Bildraum hineintreten, und beschreitet visuell ebendiesen space that pictorial light will occupy. (Sicher, der auf dem Fussboden ueberstehende Stoffrest weist schon darauf hin, dass diese Arbeiten die Ausstellung auch wieder verlassen werden, ihrerseits auf riesige Keilrahmen gespannt, Raumillusionen aufgeben muessen, als Bildobjekte, wiederum Architekturen und Lebensraum (-bereiche) an anderem Ort einnehmen werden.

 

Der vielzitierte Text "Color ist the quickest way to the heart" ("Farbe ist der schnellste, der unmittelbarste Weg zum Herzen") enthaelt den Kernpunkt einer im Herbst 2006 gehaltenen Vorlesung von Jerry Zeniuk an der Zentralen Kunstakademie in Beijing. Ein kurzer Auszug davon ist ja in der Einladungskarte zu dieser Ausstellung abgedruckt, und dort findet sich eine Stelle, die nicht nur den chinesischen Kunststudierenden zunaechst erklaerungsbeduerftig erscheinen musste. Sie trifft ebenso das alltaegliche Dilemma der nur theoretisierend mit Kunst Befassten, etwa der Kunsthistoriker: Wozu sprechen und schreiben, wo doch alles zu sehen ist ?, sofern man sich auf das Sehen einlaesst, unmittelbaren Eindruecken vertraut, dem persoenlichen Empfinden, Zeit verbringt, Andauer und Allmaehlichkeiten, Offenheiten und auch die Bedeutsamkeit von Scheitern und Fehlen zulaesst. Jerry Zeniuk sagt bzw. schreibt darin: "I hope my work cannot be explained." ("Ich hoffe, meine Arbeit kann nicht erklaert werden.")

 

Es scheint, als ob es Klaus Honnef seinerzeit weitsichtig vorausgeahnt hat, als er vor 30 Jahren schrieb: "Zeniuks Bilder stehen in der "klassischen" Tradition, der Malerei. Sie wollen affizieren! Sie wollen unvermittelt auf den Betrachter (ein)wirken, ihn durch ihre spezifischen malerischen Qualitaeten beeindrucken und beeinflussen. Der malerische Augenreiz, das visuelle Erlebnis, das etwa eine vollendet gemalte Passage eines Bildes von Tizian hervorruft, verbunden mit dem stillen Appell an die Konzentrationsfaehigkeit des Betrachters – das sind die Ziele. Deshalb muß jeglicher Versuch einer Beschreibung versagen. Die Bilder sind wahrhaft unbeschreibbar, unbeschreiblich." Und diese Faszination geht auch (und gerade) von den 30 Jahre spaeter entstandenen hier zu sehenden Arbeiten aus, Bilder einer unverstellt kindhaft-anarchischen Suche nach Glueck.

 

 

Clemens Ottnad

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