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Rupert Walser zur Ausstellung "Bilder" von Uli Zwerenz, 12.3. - 27.4.2003

Wie schade ist es doch eigentlich, daß wir ein Gemaelde des großen Soundso auf einen Blick aus zig Metern zweifelsfrei als ein Werk desselben identifizieren bzw. von dem eines anderen Soundso unterscheiden koennen. Spaß macht freilich dieser "Sport", der auf das ueberlebens-notwendige Erlernen der Faehigkeit der alten Jaeger zurueckgeht, ein genießbares, ungiftiges aber naehrstoffreiches, gefaehrliches oder leicht zu erlegendes, evtl. zaehes oder zartes Tier zu erkennen, oder - fuer die noch aelteren Sammler - auch hier eine nahrhafte, aber evtl. auch heilende, oder in Rausch versetzende, ja Wunder bewirkende Pflanze   zu erkennen.
Denken macht, daß das damalige Toeten bzw. Pfluecken heute Kaufen, d.h. Geld der heutige Faustkeil oder zumindest die eingreifende, knickende Hand ist.   Gut und damit schoen , begehrenswert, ja wert sich evtl. sogar in Todesgefahr zu begeben - ist, was wir brauchen koennen, unser Leben, Ueberleben zu sichern, zu bereichern, ja vielleicht ueberhaupt zu erleben.

Einen Uli Zwerenz kennt so leicht (noch) keiner, erkennt noch nicht, ob er wertvoll ist oder sein wird. Der begibt sich auch noch nicht auf die Wildbahn, die Lichtung oder zum gefaehrlichen Wasserloch bzw. auf den bunten Markt. Er zieht es vor im halbdunklen, halblichten, schuetzenden Dschungel zu bleiben.
Zwerenz ist im Atelier in der Malerei - laesst sich auf Malerei ein - wie auf eine Wildnis, eine terra incognita, die er aber nicht zu erobern oder gar zu vergewaltigen beabsichtigt, obgleich er, wie kaum einer, die Natur dieser Welt, die Materie, die Materialien kennt, sehr wohl auch beherrschen koennte. Nur - dann koennte er nichts erfahren. Unsicherheit, Scheu, aber auch Neugier und Vertrauen sind seine Strategie, seine Haltung.
Es ist ein Sich-Einlassen auf diese Wildnis, das ewige, endlose Neuland, den Kosmos Malerei.
So bilden sich Gestrueppe, Dolden, Knaeuel, die zu Figuren tendieren, vor oder aus einem vagen, sich zu konkretisieren scheinenden Brei. UEbergangsformen, die tastend zwischen sich und ihrem Grund Pfade, Wege, Wurzeln, Lianen ziehen. Figuren werden Flaechen, Flaechen werden Linien, Linien werden Figuren, alles ist im Werden, sich Veraendern begriffen. Werden und Vergehen, Leere und Fuelle...
Der wunderbare Film Powers of Ten von Charles und Ray Eames kommt mir in den Sinn. Farbe auftragen und wegnehmen, Streichen und Kratzen, Fließen und Stocken. Alles ist potentiell sein Gegenteil. Das ist Chaosforschung unter Einbeziehung seiner selbst, ein sich in die Irre, in den Wahnsinn dieses Daseins fuehren und in dieser Irre seine Bleibe, seine Anwesenheit finden und bilden lassen.

Bernhard Mendes Buergi traut sich in Basel in diesem Sommer, in dem eine weitere malereiarme Documenta ebensolchen blutarmen Biennalen folgt, eine Großausstellung von Malerei in gleich drei Haeuser zu stemmen und den Beweis zu erbringen fuer die grandiose Feststellung "Es gibt kein letztes Bild" (so der Untertitel zum Teil II).
Freilich ist das seit Jahren virulent (siehe u.a. Johannes Meinhards grundlegendes Buch "Ende der Malerei und Malerei nach dem Ende der Malerei", Stuttgart 1997, oder Beat Wismers große Malerei-Ausstellung und Antologie vor zwei Jahren in Aarau: "Das Gedaechtnis der Malerei"). Freilich werden in diesem Unionmove (Haupttitel: "Painting on the Move") ebenso wie schon bei der letzten Megaparade "New Spirit of Painting" in London die Prachtexemplare des Großwildes vorgefuehrt und die neue Collection vielversprechender Jungbullen aufgetrieben.
Aber es steht doch auch zu erwarten, daß manche der vornehmlich germanischen Preisochsen der letzten Jahrzehnte, die zwar super im Fleisch standen, aber niemals Gefahr liefen, die Malerei zu befruchten, nicht mehr angekarrt werden muessen, um lustvoll zu belegen, daß es weder eines Großlabors noch einer Steckdose bedarf, um ein zeitgenoessisches Kunstwerk herzustellen oder zu betreiben.

 


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