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aus "Money Funnel", 2004

Sharlene Khan

Krug & Wasser

"...der entdeckte, was entstehen kann aus der Verbindung
von konkreten bedeutungsvollen Wörtern
mit Formen, die sie leugnen
oder ihnen zumindest nicht rational entsprechen."

André Breton über René Magritte


Vom ersten Augenblick an haben mich Claudia Shneiders Arbeiten fasziniert. Über den
Impuls, der Shneiders Pinsel antreibt, kann ich nur Vermutungen anstellen, doch scheinen dabei
Gefühle und Gedanken zu verschmelzen, um anregende, mitunter beiläufige, Erinnerungen
wachrufende und sogar absurde Bilder zu formen.

Einer der interessantesten Aspekte ihrer Arbeiten ist - für mich - deren Wirkung auf den
Betrachter. Nähert man sich einem Bild, dann sieht man eine Form, die einem irgendwie bekannt vorkommt. Und augenblicklich, sofern man es zuläßt, steigen Erinnerungen, Gefühle, Geschichten
in einem hoch oder treiben sich an den Rändern des Bewußtseins herum: Ein Eindruck von etwas Geschehenem, Beobachteten, Bewahrtem. Oft geht man dann mit einem Lächeln fort, nachdem man in einem entlegenen Winkel seines Gedächtnisses etwas gefunden hat, eine unerwartete Erinnerung, die sich aufs neue in einem regt.

Einige Betrachter begegnen dem Bild mit der Erwartung einer weiteren intellektuellen
Analyse dessen, was alles schief gelaufen ist in der Welt, sehen einen Krug und Wasser, lesen den
Titel Krug & Wasser und gehen verärgert, empört davon. Tatsächlich empörend ist allerdings, daß die Kunst afrikanischer Künstler sich auf eine Position zurückgezogen hat, daß nur noch das
Herunterleiern gesellschaftskritischer Kommentare und irgendwelcher Exotismen für Wert befunden wird. Eine solche Einstellung gründet vielleicht auch auf einer Irritation, dass so viele nach einer Einfachheit der Form und Farbe suchen, die meist aber nur Kindern und Verrückten zugänglich ist. Einigen wenigen von uns gelingt dies allerdings. Wie eben Shneider. Wenn ich ihre Arbeiten
betrachte, kommen mir die Werke dieser Künstler in den Sinn. Picassos späte Zeichnungen sind
beispielhaft für eine solche Leichtigkeit: Wie er seinen Gegenstand mit einem einzigen Strich
erfaßen konnte, verrät absolute Kontrolle und Meisterschaft. Auch Shneiders Formen vermitteln mir diese Leichtigkeit: nicht so sehr eine Kontrolle der Form, als vielmehr ihre Befreiung von jeglicher akademischer Verbildung. Eine von den erdrückenden Zwängen der Proportionen, des Zusammenhangs, des Hintergrunds, der realistischen Farbe befreite Form.

Ich habe nicht immer Zugang zu Shneiders Gegenständen gefunden. Das gestehe ich ganz offen ein, denn auch dann gefallen mir die Symmetrie der Formen, der willkürliche Strich, die nachhallenden Farben, wie ich sie auch vor einem Bild von Rothko erfahre. Ich habe mich der physiologischen Wirkung des Bildes auf meinen Geist und meinen Körper mit Genuß hingegeben. Ich bin von den Arbeiten mit dem Gefühl weggegangen, sie in einer anderen Weise als andere „erfahren“ zu
haben, und daran ist nichts Beschämendes, da das menschliche Gehirn vieles erfährt, das nicht ausgelotet oder formuliert und dennoch erfahren werden kann. Das bedeutet nicht, daß in Shneiders Meditationen keine politischen, sozioökonomischen und historischen Einflüsse entdeckt werden können, da kein Mensch den gesellschaftlichen Kontext, unter dessen Einfluß er steht, leugnen kann. Vielmehr können ihre Arbeiten durchaus verdeckte Gesellschaftskritik sein, so wie ihre
Stilleben-Objekte Verweise auf eine Vielzahl menschlicher Beziehungen werden können. Eine
Colaflasche könnte ganz persönliche, oberflächliche Erinnerungen wachrufen, während sie in
einem größeren historischen und politischen Kontext auf die kulturelle Hegemonie hindeuten kann, die die USA immer noch auf einen Großteil der Entwicklungsländer ausübt.

Das Besondere an Shneiders Werk ist, daß sie den Betrachter nicht um des platten Effektes willen mit gesellschaftspolitischen Statements überhäuft. Vielmehr hat man das Gefühl, dass die Kräfte der Liebe, des Haßes und des Zweifels in diesen Bildern Ausdruck der persönlichen Erfahrung eines Menschen sind, der in Afrika gelebt hat und Afrikaner ist. Doch so sehr es heute einer kritischen Haltung gegenüber der zunehmend aus dem Gleichgewicht geratenen Welt bedarf, ist es doch auch wunderbar, ab und an in eine Ausstellung zu gehen, Krug & Wasser zu sehen und bei dem Wunder, das menschliche Beziehungen und eine menschliche Umwelt darstellt, Zuflucht zu suchen.