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from "Money Funnel", 2004


Armin Schäfer

Ereignisse in Farbe: Claudia Shneider

Was entsteht, wenn Claudia Shneider auf Papier oder Leinwand zeichnet und malt, könnte Zeichnung oder Malerei heißen. Oder man könnte es Figuration oder Abstraktion
nennen und bunte von unbunten Farben, Linien von Flächen, den bedeckten Mal- und
Zeichengrund von der unbearbeiteten Fläche unterscheiden. Doch es ist abzusehen, daß eine solche Einteilung den Arbeiten äußerlich bliebe. Shneider wechselt ihre Farben von Arbeit zu Arbeit, und sie geht von der Malerei zur Zeichnung über und umgekehrt. Eine Folge von
Markierungen und farbigen Strichen erzeugt zumeist so etwas wie eine Figuration, aber die Figuren, die man zu sehen meint, lösen sich sogleich wieder in Linien und Markierungen auf: Wo soeben noch abstrakte Malerei war, ist jetzt ein Korb oder eine Insel oder ein Insekt, und dort, wo eine Art von Gebiß war, ist jetzt eine grüne, abstrakte Malerei.

In vielen Arbeiten hat Shneider das Motiv freigestellt. Es sitzt auf einer Fläche, die auch dort, wo die Farbe sie nicht bedeckt, kein neutraler, unbearbeiteter Hintergrund ist,
sondern in die Komposition einbezogen wird, als ob das Weiße ebenso gemalt wäre wie das Motiv. Im Motiv wiederum sind Farbe und Figuration auseinandergerissen. Und all das ist in einer Weise gezeichnet und gemalt, die einen Zusammenhang von Farben und Formen
herstellt, der fern den Regeln steht, die Sprache den Farben auferlegt: Während der adjektivische Gebrauch eines Farbnamens stets Formbegriffen verhaftet bleibt und die Farbe letztlich auf die Funktion reduziert, eine Form zu färben, bezeichnet ja der Farbname, der seinem
adjektivischen Gebrauch entwunden und als autonomer verwendet wird, nur sich selbst. So sehr in der Sprache die Farben Konventionen, Bedeutungen und Codes unterstehen, so wenig folgt Shneider solchen Vorgaben, sondern sie läßt lose Verbindungen von Sehen und Sagen entstehen: So ist ein Stuhl vielleicht rot, eine Oma blau und ein Biß grün. Überdies hat sie
ihre Arbeiten mit Titeln versehen, die den Betrachter weniger anleiten, als sie ihm Rätsel
aufgeben. Gerade weil die Titel vermeintlich klar sagen, was man sieht, gerät das Verhältnis von Sehen und Sagen in Verwirrung. Shneiders Arbeiten geben weniger Figuren zu sehen als vielmehr deren Attribute, Eigenschaften und Möglichkeiten, und den Titeln kommt die
Funktion zu, das Gemalte zu etwas Ereignishaftem zusammenzuziehen. Stets sind die Titel von größter Genauigkeit: Auch wenn sie etwas bezeichnen, benennen sie nicht einfach das, was man sieht; auch wenn eine Papierarbeit Basket heißt, ist kein roter Korb zu sehen,
sondern das Rot ohne den Korb oder, genauer, ein korbartiges Rot, das keineswegs eine
beliebige und ungeformte Ansammlung von Strichen ist.

Shneiders Titel wiederholen nicht das Motiv in der Sprache. Anstatt das Motiv mit
einer Bezeichnung zu vernähen, spinnen sie Fäden zwischen Sehen und Sagen und verraten dem Betrachter: In diesen Zeichnungen und Malereien, die sowohl abstrakt heißen können
als auch etwas zu figurieren scheinen, stecken lauter Ereignisse. So dechiffriert denn auch
ein Titel wie Bite keine Figur oder einen Gegenstand, sondern verweist auf etwas Ereignis-
haftes: Das Bild könnte beißen. Solche Titel erzeugen unvorhersehbare Verbindungen von Farben und Ereignissen: Vielleicht wird das, was zu sehen ist, schon im nächsten Augenblick
geschehen. Der Money Funnel ist nämlich kein Apparat, in den man Geld einwirft,
sondern eine Maschine zur Hervorbringung von Ereignissen in der Malerei.