go to THEORY CONTENT (more texts about other artists)
back to CLAUDIA SHNEIDER (more pictures)
 
 

from "Money Funnel", 2004

Andreas Strobl

Kann der Pinsel denken?

Scheinbar unbeschwert wandert der Pinsel übers Papier und hinterlässt traum-
wandlerisch seine Spuren. Kann man so die Welt schildern? Viele Zeichnungen Claudia
Shneiders wirken so, als habe sich der Pinsel den Weg erst einmal selbst gesucht, als seien
Linien entstanden, die erst nach dem kontrollierenden Blick der Künstlerin um weitere
Linien und Strukturen ergänzt wurden, um etwas darzustellen. So reduziert das Verfahren
ist, so Bild tragend wird der Farbauftrag. Mal ist er dünnflüssig wie bei einem Aquarell,
mal deckend oder mit trockenem Pinsel gemalt, so daß dichte Flächen und aufbrechende
Strukturen entstehen. Obwohl Shneider in ihren Arbeiten auf Papier selten mit mehreren
Farben arbeitet, ist die Vielfalt der Farbwirkung auf Grund der Bandbreite der Pinselführung erstaunlich. Und obwohl viele Bilder wie zufällig begonnen wirken, setzt die Künstlerin
ihre Sujets mit einem sicheren Blick für das gesamte Blatt aufs Papier, schneidet sie an
oder füllt die Blätter aus. So erhalten diese Zeichnungen immer wieder aufs Neue eine
fragile Spontaneität.

Wie der Pinsel etwas malt, so sieht es unser Auge nicht. Shneiders Zeichnungen
geben anhand ihrer Titel vor, im traditionellen Sinne etwas darzustellen. Das führt zu
Überraschungen. Denn sie malt zwar zum einen benennbare Dinge zum anderen aber auch solche, denen erst sie den Namen gibt. Ein Verpackungskarton ist deutlich als solcher zu
erkennen. Er wurde auf die Umrisse reduziert und die Striche sitzen Blatt füllend auf
dem Papier. Eine Insel mit einer Straße in einem schwarzen Meer ist deutlich zu erkennen, wenn einem der Titel gesagt hat, daß man die ausgesparte Form als Insel lesen soll und
den hereinragenden Strich als Straße. Aber was ist eine Aubergine City? Man kann einige aufrechte Eierpflanzen erkennen, wenn man durch den Titel auf die Aubergine gebracht
wurde, ansonsten erinnert die Silhouette an eine Skyline, die ein Architekt wie Hermann
Finsterlin hätte erfinden können. Oder wer hat schon 2 Anthill Fountains gesehen?
Krabbeln da kaskadengleich die schwarzen Ameisen? Da ist die Angabe Unkraut des
Unwissens zu einem flügelartigen Wesen doch beruhigend präzise.

Neben dem graphischen Reiz und der malerischen Nonchalance ist es diese
Unsicherheit, die mich immer wieder vor den Blättern Shneiders stolpern lässt. Der
Eindruck des Merkwürdigen, um nicht wieder das Wort rätselhaft zu verwenden, verankert die Bilder im Gedächtnis. Und das lockt dann an, wieder zurückzukehren, noch einmal
hinzusehen und das Geheimnis entdecken zu wollen. Oder einfach diesen ebenso eleganten wie ungelenken Spuren des Pinsels erneut zu folgen. Denn eigentlich sehen wir nichts als
diese Spuren auf dem Blatt – Kunst.