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aus Katalog "pinky-blacky-browny-white", 2004

 

1
Ihre Werke bezeichnen die Spanne zwischen Anfangs- und Endpunkt der Kunst
– jener Raum der nur im menschlichen Geist besteht; in diesem Sinne sind sie
begrifflich, so wie Magrittes Werke im Bereich zwischen Titel und Gemälde
existieren. Viele Titel ihrer Werke beziehen sich auf Formen (Island, Basket,
Bridge), künstliche und natürliche Formen des elementaren Allgemeinguts, die zu ganz persönlichen Bilder abstrahiert werden. Man könnte auch sagen: Der Titel lässt uns wissen wo wir dran sind, und das hier – die Zeichnung – ist wo du dran bist. Das Allgemeine und seine Individualisierung. Das verbindet sie mit Philip
Guston und Louise Bourgeois: den Anfang in der Massensituation nehmend,
individualisiert sie diese und schafft so eine Verbindung zu jedem möglichen
Betrachter als Individuum dank seines Vermögens zur individuellen Fantasie.

2
Ein Teil der Werke ist von der “Bedeutung” her eigenwilliger als soeben impliziert, indem die Titel selber weder Allgemeingut sind noch einen klaren strukturellen Ausgangspunkt darstellen, sondern in sich selbst kreisen; einige sind an sich
“poetisch“ durch die Assonanz/Alliteration (Ball for All, New House Mouse,
Serious Supper), jedenfalls sind es entrückte Phrasen, die sich aus ihren ursprüng-lichen Zusammenhang gelöst und in der Vorstellung festgesetzt haben (Southern-Most Tip, North South East). Sie konfrontieren den Betrachter unmittelbar mit dem Phänomen der Bedeutung indem sie sagen, was du siehst entspricht
Southern-Most Tip oder Old Ghosts and New Spooks oder Sleeve Society, was der Bedeutung die Oberfläche nimmt und sie als Substanz an sich erscheinen lässt, die nicht länger im Vertrauten gefangen ist. So haben diese Werke es “in sich“, die Bedeutung zurecht zu stutzen, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen. Das
einzelne Werk ist scheinbar eine Bedeutung seines Titels, verkörpert die ultimative
Bestimmung im Bereich der Subjektivität. Es entfernt den wörtlichen Aspekt aus dem Bedeutungsbegriff. (Die Werke haben etwas Ungelenkes an sich, als wären sie eine Nummer zu groß geraten, wie ein Teenager, der zu schnell gewachsen ist,
(wie so oft beim späten Guston), wie Skizzen in einem Notizblock, die über ihre
angemessenen Proportionen hinaus vergrößert wurden. Das ist es, was ihnen ein instabiles und wackliges Eigenleben verleiht, etwas Überdimensionales, die Übertreibung die die Kunst braucht, die Unterstreichung der Wirklichkeit.) (Diese gemalten Zeichungen erscheinen einem als umfingen sie das Nichts auf der Schwelle zum Dasein, wie die Bilder von Fautrier in den 1920-ern. Als hätten sich die
Ränder der Existenz aufgelöst. Daher das “unfertige” Aussehen, wobei das Papier/die Leinwand selbst eine große Rolle spielt.)

 


Chris Newman 28. Nov und 5. Dez 2003