Michael Bockemühl

der lichte Raum

Ehe wir im Raum einen Ort bestimmen, gibt es überhaupt keinen Raum für uns; aber ohne
den absoluten Raum würden wir nimmermehr einen Ort bestimmen. Ebenso mit der Zeit. Ehe
wir den Augenblick haben, gibt es überhaupt keine Zeit für uns; aber ohne die ewige Zeit
würden wir nie eine Vorstellung des Augenblicks haben. Wir gelangen also freilich nur durch
den Teil zum Ganzen, nur durch das Ganze zum Unbegrenzten; aber wir gelangen auch
nur durch das Ganze zum Teil, nur durch das Unbegrenzte zur Grenze.
Friedrich Schiller

Über die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen. Neunzehnter Brief

Näherung

Lichtes Feld II
Der Betrachter sieht vor sich ein blaues Rechteck. Im ersten Blick kann die Farbe blaß
und sehr hell wirken, als sei das gleichmäßige Weiß der Fläche mit hellem Blau nur
überhaucht. Schon nach kurzer Zeit jedoch scheint sich die Farbe zu verdichten. Das blasse
Weißblau strahlt und leuchtet in einer Intensität, wie man sie sonst nur von großen
Aquamarinen her kennt. Anderseits kann auch schon im ersten Blick das Leuchten und
Strahlen der blauen Farbe auffallen. Wie sich also das Gebilde in einem ersten Blick
ausnimmt, liegt nicht fest.

Ob man zuerst das blasse Weißblau oder zuerst das Leuchten der Farbe bemerkt, ist mit
davon anhängig, was der Betrachter unmittelbar vorher ins Auge gefaßt hatte. Bei den
meisten Kunstwerken spielt es keine Rolle, was der Betrachter vorher angesehen hat. Dies ist
bei Anna Leonies Lichtes Feld II anders. Wenn auch nicht immer stark bemerkbar, mischt
sich das zuvor Gesehene in den ersten Eindruck von Anna Leonies Farbgebilde entscheidend
mit ein. Bei einer Beschreibung, die die konkreten Wirkungen dieses Gebildes zu fassen
versucht, ist deshalb zu berücksichtigen, ob der Blick, bevor er auf Lichtes Feld II gerichtet
wird, auf etwas Helles gerichtet war – dann tritt zunächst das blasse, flüchtige Blau ins
Bewußtsein –, oder ob zuvor etwas überwiegend Dunkles angesehen wurde – dann leuchtet
das Blau von Anfang an.

Die Farbe von Lichtes Feld II erweist sich mit solchen ersten Beobachtungen bereits als so
sensibel, daß sich das bekannte Phänomen der physiologischen Reaktion der Netzhaut – des
Nachbilds – verändernd auf das auswirkt, was der Betrachter hier im ersten Blick gewahr
wird. Doch auch nachdem sich das Auge auf die lichtblaue Farbe eingesehen hat, läßt diese
sich nicht wirklich festhalten oder definitiv benennen. Denn auch im längeren Blick auf
Lichtes Feld II stabilisiert sich die Farbe nicht. Ihre Veränderlichkeit nimmt in einem langen,
intensiven Blick, der ruhig auf die Fläche gerichtet ist, sogar ständig zu und das hell strahlende
Blau ändert sich. Die blaue Fläche verliert vollständig ihren festen Ort dort an der Wand.
Sie hebt sich auf. Schon nach einer kurzen Zeit kann sie nicht mehr als Fläche gesehen
werden, sondern wirkt vielmehr so, als blicke man durch das Rechteck in einen hellen, nach
hinten zu unbegrenzten Raum – vergleichbar dem Blick durch ein Fenster auf den hellen,
blauen Himmel. Dieser Eindruck kann sich noch weiter steigern: Nicht allein der Raum, der
hinter der Bildfläche vermutet wird, scheint von hellstem Blau erfüllt, sondern nach und nach
auch der Raum davor. Der Raum zwischen dem Auge des Betrachters und dem Bild an der
Wand wirkt so, als sei er mit Licht bzw. mit aufgelichtetem Blau erfüllt. Stellt sich dieser Eindruck
ein, dann schwindet zugleich die vorher noch ganz selbstverständliche Sicherheit
zu wissen, wie groß die Distanz zwischen dem Betrachter und der blauen Fläche an der Wand
ist. Das in dieser Situation erlebte Blau scheint unmittelbar nahe und zugleich auch unabschätzbar
tief zu sein.

Es versteht sich, daß solche Beobachtungen sehr flüchtig sind. Wenn aber das Auge sehr still
gehalten und die Aufmerksamkeit konzentriert wird, dann zeigt die eng begrenzte Bildfläche
durch ihr Blau eine ganz entschiedene Tendenz zur Entgrenzung und zur räumlichen Tiefe,
die in ersten Blicken keinesfalls faßbar ist, und die auch für den, der diese Wirkungen kennt,
immer wieder unerwartet auftritt, weil sie im Gegensatz zu der klaren Statik des blauen
Rechtecks dieses Gebildes steht.

Wird die konzentrierte Beobachtung mit ruhig gehaltenem Auge noch weiter fortgesetzt,
so ändert sich auch die Farbwirkung noch weiter: Das Blau scheint dunkler, unbestimmter und
trüber zu werden, als lege sich ein trübend bräunlich-oranger Schleier vor die Farbfläche –
oder als fülle ein leicht orangefarbener Dunst nach und nach den mit Blau erfüllten hellen
Raum. Dieser weitere Effekt stellt sich in aller Regel nach 30 bis 40 Sekunden ein und
verstärkt sich bei weiterer Betrachtung so weit, daß das Blau jede Strahlkraft verliert. Erst
wenn anschließend das Auge ein wenig die Blickrichtung ändert, leuchtet die Farbe wieder
auf und erscheint dann frischer und heller als je zuvor.

Die Veränderlichkeit der Farbe, die – wie bereits erwähnt – auf den Nachbild-Effekt zurückzuführen
ist, erweist sich als eine der bestimmenden Qualitäten bei der Farbwirkung dieses
Bildes. Will man diese von der Künstlerin so und nicht anders vor Augen gestellte Farbe
einigermaßen gleichbleibend sehen, dann kann dieses nur durch ein gezieltes Blickverhalten
wahrgenommen werden, bei dem man das Auge eine Zeit lang im Sekundentakt abwechselnd
öffnet und schließt. Aber auch bei diesem extremen Augenverhalten ist ein konstanter
Farbeindruck von Lichtes Feld II nicht garantiert. Es wird deutlich, daß die Farbe dieses
Gebildes nur in einem ständigen Prozeß der Veränderung bzw. stets nur als ein Prozeß gesehen
werden kann, und daß sich das Auge angesichts dieses Bildes so verhält, als blicke man in
ein Blau, das nicht auf eine Fläche fixiert und von außen beleuchtet ist, sondern vielmehr von
sich aus leuchtet. Es scheint als sei in Lichtes Feld II die Farbe unmittelbar zur Lichtwirkung
gebracht.

 


Freisetzung

Das Scheinbare und das Unscheinbare liegen bei Anna Leonies Arbeit dicht beieinander. Die
Künstlerin charakterisiert ihre Arbeit als Freisetzung. Es kommt ihr nicht darauf an, die
Farbe zu irgendeiner Gestaltung zu verwenden oder zu nutzen. Die ganze künstlerische Intention
richtet sich darauf, die Eigenwirkung der Farbe durch die Farbe selbst erlebbar zu
machen. Das Potential der blauen Farbe – ihre Sensibilität, ihre Veränderlichkeit – soll in ihrer
spezifischen Erscheinungsqualität als eine spezifische Wirkung des Lichts freigesetzt werden.

Ob zu einer Gestaltung Farbe verwendet oder Farbe in ihrer Lichtwirkung freigesetzt wird –
es wäre dieses belanglos, wenn der Betrachter nicht die Möglichkeit hätte, einen solchen
Unterschied zu sehen. Wer die Arbeit von Anna Leonie kennenlernen möchte, muß sich auf
solche Differenzierungen im eigenen Anschauen einlassen. Es ist auch nicht so, daß mit
solchen Unterschieden etwas vordergründig Spektakuläres verbunden ist. Das Eigentliche
wirkt in diesem Werk zunächst unscheinbar. Erst in der Anschauung wird es scheinbar.

Die kleinen monochromen Rechtecke ihrer Farbbilder, die präzise und feingezeichneten Linien
ihrer Zeichnungen, sowie die stets in einem fruchtbaren Mindestmaß gehaltenen Akzente
ihrer Raum-Arbeiten machen keinerlei Aufhebens von sich. Im Grenzfall gehen die Werke im
Kontext des Umraums auf. Sie sind auf den ersten Blick gelegentlich nicht als etwas zu bemerken,
das eigens als Kunstwerk angefertigt wurde. Keine auffällige Ausgestaltung weckt die
Neugier oder erzwingt die Aufmerksamkeit. Wer sich diesen Werken nähert, kann den Eindruck
gewinnen, daß da etwas so ist wie es eben ist. Anna Leonies Gebilde zeigen sich oft so,
wie sich auch die bekannten Dinge zeigen, die man vorfindet, ohne daß irgendein Anspruch
auf Gestaltung mit ihnen verbunden würde, und die deswegen auch nicht als Kunstwerke
ins Bewußtsein treten – wie der Wandanstrich, das Fenster, der Tisch, die Teekanne usw. Und
wie diese üblichen Dinge werden auch Anna Leonies Gebilde manchmal übersehen. Diese
Werke drängen sich nicht auf. Wer sie in ihrer Wirkung fassen will, muß sich ihnen aus eigener
Aktivität und auf eigene Entscheidung hin nähern. Und auch wenn der Betrachter sich auf
diese Gebilde einläßt, zeigt sich nichts, das ihm vermittelnd entgegenkäme. Die stets als
ein Mindestes auftretenden Gebilde scheinen sich einer Näherung zu entziehen. Würde nicht
bei einem näheren Beachten auch evident, daß in der Unscheinbarkeit dieses Mindesten,
eine Fülle von Wirkungen zur Erscheinung kommen kann, so würden diese Gebilde geradezu
hermetisch erscheinen – oder schlicht belanglos. Mit dieser Unscheinbarkeit stehen allerdings
die freigesetzten hohen Wirkungsmöglichkeiten, die diese Arbeiten bei näherer Betrachtung
entfalten können, im spannungsvollen Widerspruch. Denn wenn sie im bewußten
Anschauen faßbar werden, dann erscheinen sie gegenüber ihrer ersten Unscheinbarkeit desto
intensiver. Mögen sich diese Werke einer Näherung in Vorbegriffen und schnellen Urteilen
entziehen, einer anschauenden Näherung entziehen sie sich nicht. Dem bewußten Anschauen
kommen sie sogar entgegen. Um es vorab zu sagen: Diese Werke sind auf ein bewußtes
Anschauen angelegt. Die Freisetzung der Farbwirkung wird erst in einem freien, unvoreingenommenen Anschauen bewußt.

Ein bewußtes Anschauen, das Anna Leonies Werken gerecht wird, könnte vielleicht als etwas
Aufgesetztes und Kompliziertes mißverstanden werden. Dann aber ließe man außer acht,
daß diese Gebilde geeignet sind, den Betrachter unvermerkt zu einem bewußten Anschauen zu
führen.

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