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aus dem Katalog: Die Gegenwart der Farbe, Kunsthalle Bielefeld, 1986

Erich Franz

Sinnliche Präsenz

Zur Malerei von Phil Sims

Das Vorgegebene, Anonyme der einheitlichen Farbe und der rechteckigen Fläche zum Leben zu bringen, zu einem einmaligen, sinnlichen, gegenwärtigen Erlebnis, darin liegt die besondere Qualität der Bilder von Phil Sims. Es sind Bilder gegen das Vorgespannte, gegen das Konzeptuelle, Systematische - gegen alles, was ausserhalb der Reichweite des Individuums entsteht und geschieht. In der Einfarbigkeit und dem anonymen, oft quadratischen Format der Bilder von Phil Sims ist dies Gegebene, dem Menschen Vor-Gesetzte noch als Hintergrund enthalten. Aber die eine Farbe wird zur Präsenz gebracht durch die besondere menschliche Bearbeitung, das Hand-Werk und das sinnliche Gespür, das heisst, sie wird durchdrungen vom menschlichen Sehen und Fühlen und allein darauf ausgerichtet.

Das fängt an beim Format, das in bezug auf das Gesehenwerden gerade an der Grenze zwischen Form (als überschaubares Ganzes) und Fläche (als unüberschaubare Ausdehnung) liegt. Das betrifft weiter die Farbmischung, ihren Bezug auf die Wahrnehmung von Grundfarben und deren jeweilige Abweichung. und schließlich gewinnt die Farbe Leben und Intensität für die Wahrnehmung durch ihren malerischen Auftrag - die Konsistenz der Farbe, die Feinheit des Pigments und die Flüssigkeit, Dichte und Reflexionsfähigkeit des Bindemittels (Öl, meist Leinöl, Wachs), beim Triptychon 1985: gekochtes Wachs, die Breite und Führung des Pinsels, die Dichte der Farbschichten, die Eigenschaften beim Trocknen usw.

Damit bekommt die Farbe Individualität und Intensität, sie hält das Auge in Bewegung, wie ein Vibrato den Ton trägt, indem er sich immer wieder neu einschwingt auf sich selbst und so die Wahrnehmung wachhält. Die Farbe wird erfahrbar; an jeder Stelle des Bildes entsteht sie in besonderer Weise und fließt doch ein in das Ganze und in die eine Farbe des Bildes. Sie wird immer wieder zurückgeholt auf das Materielle, den Pinselstrich und die Oberfläche, und strahlt immer wieder aus als optische Energie. So bekommen die Bilder von Phil Sims eine Weichheit, eine Tastbarkeit für das Auge, die aus dem Ineinander von Farbe als einheitlicher, nur optischer Erscheinung und materieller Oberfläche als tastbarer Struktur entsteht. Jedes dieser Bilder ist nicht nur physisch da, es ist auch sinnlich anwesend, es zieht die Wahrnehmung von allem Darüber-hinaus-Denken immer wieder auf sich selbst, auf das Hiersein zurück. Insofern sind die Bilder von Phil Sims das Gegenteil von abstrakt, sie sind ganz und gar Präsent. Sie zeigen nicht etwas anderes, sondern allein sich selbst, aber dieses Hier-Sein gewinnen sie, erarbeiten sie sich durch den künstlerischen Prozeß.

Sich im Diesseitigen finden, im Gegenwärtigen, im Genuß der Wahrnehmung des hier Vorhandenen - das ist gänzlich gegen heutige von den Medien bestimmte Sehgewohnheiten gerichtet, und man kann sich auch vorstellen, daß es besonders gegen New York gerichtet ist, wo Phil Sims diese Bilder malt. Er stammt aus einem ländlichen Gebiet, aus Richmond (Californien), und lernte und (lehrte dann auch) zunächst Keramik, also das Herstellen ganz und gar tastbarer Präsenz. Nachdem er in San Francisco Malerei studiert hatte, ging er 1976 nach New York, hauptsächlich, weil es dort die malerische Tradition gab, an die er anknüpfen konnte: Rothko, Still, Marden, Ryman. Natürlich setzen seine Bilder nicht nur eine Tradition fort - außerdem ist es sicher nicht nur eine Tradition (Phil Sims interessierte sich etwa auch für die Vielfalt der Pinselarbeit eines Jasper Johns). Das Besondere bei Phil Sims ist jeglicher Verzicht auf Allgemeingültigkeit - wofür etwa bei Ryman das Weiß als die Farbe "an sich" steht - und seine Konzentration auf das Individuelle, auf die eine Farbe, die eine Struktur. Die sinnliche Präsenz bedeutet den Verzicht auf jede mögliche Relativierung in Hinsicht auf etwas außerhalb des Bildes. Es gibt keinen anderen Inhalt als den, der im Sichtbaren liegt. Auf ein transzendentes Bedeuten wird lediglich insofern Rücksicht genommen, als es bewußt und mit allen Mitteln vermieden, ausgeschaltet und ins Diesseitige zurückgeholt wird.

Die Bilder von Phil Sims entfalten sich unter der Anschauung, sie behalten und steigern noch ihre Kraft bei längerer Betrachtung. Was hier mit dem "Besonderen", dem Diesseitigen und Gegenwärtigen gemeint ist und was sich nicht verallgemeinern läßt - höchstens in Hinsicht auf das, was es nicht ist -, soll abschließend an wenigen Bildern beschreibend angedeutet werden. Da es sich um unmittelbare und systemlose Seh-Erfahrungen handelt, bleibt ihre Beschreibung nur sehr ungefähr. Weil ihr Inhalt ganz in der sinnlichen Präsenz liegt, geht übrigens auch bei den Abbildungen besonders viel verloren.

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Phil Sims